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Deutsch macht Karriere

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Die Spanierin mit den langen schwarzen Haaren beißt sich auf die Lippen, neigt den Kopf zur Seite und lächelt verlegen. „Nein, nein, das kann ich nicht“, sagt sie. Nervös kaut sie auf ihrem Bleistift herum. Soll sie es einfach mal probieren? Schließlich fing doch alles so gut an. Die ersten Worte, das lockere Plaudern, ein paar Fragen – sie hatte das Gefühl, als wäre die Sprache gar nicht so kompliziert. Aber nun wird es plötzlich heikel: Die Lehrerin führt deutsche Substantive mit Suffix ein.

Isabel Máximo, 28, lernt seit zwei Monaten Deutsch. Nomen mit „ig“ und „keit“ sind derzeit ihr größtes Problem. Fähigkeit, Neuigkeit oder Genauigkeit – irgendwie existieren im Deutschen davon viel zu viele. Máximo ist ein bisschen verärgert, es klemmt bei der Aussprache. Trotzdem probiert sie es nochmal: „Fäh-ach-keit, nein Fäh-iks-keit“, sagt sie. „Das ist sehr schwer für mich.“

Dort, wo sie herkommt, würde man das Wort viel härter und kratziger aussprechen. Oder auch einfach nur „temperamentvoller“, wie sie es nennt. Denn Máximo stammt aus Sevilla. In der andalusischen Stadt scheint fast immer die Sonne, das malerische Viertel Santa Cruz verleitet zum Ausgehen und das Meer und der Strand liegen nur eine Autostunde entfernt. Eigentlich eine schöne Region zum Leben, wäre da nicht das Problem mit den fehlenden Arbeitsplätzen.

In Spanien lag die Arbeitslosenquote junger Leute zwischen 15 und 24 Jahren im Jahr 2013 bei 54,3 Prozent. Selbst für etwas ältere und gut ausgebildete Erwachsene wie Máximo sind die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt sehr schlecht. Isabel Máximo schrieb viele Bewerbungen, ohne Erfolg. Dann hörte sie von einer Initiative aus Deutschland: Das Bundesland Baden-Württemberg sucht Fachkräfte. Máximo überlegte ein paar Tage, dann verließ sie ihre Heimat. Seit acht Monaten wohnt sie jetzt in Heidelberg, 2.200 Kilometer von zu Hause entfernt.

Ich lerne, du lernst, er/sie/es lernt: Deutsch steht bei Isabel Máximo ganz oben auf dem Stundenplan

Ich lerne, du lernst, er/sie/es lernt: Konjugation steht bei Isabel Máximo ganz oben auf dem Stundenplan

Heute sitzt sie im Klassenzimmer des Pädagogiums, vor ihr liegen ein blaues Stiftetui, ein Wörterbuch und ein Arbeitsheft. An der Tafel stehen die Konjugationsformen von „lernen“: Ich lerne, du lernst, er/sie/es lernt. Das Gleiche für „lesen“, „spielen“ und „laufen“. Máximo hat sich alles auf ihren Block notiert. Der Unterricht dauert täglich von acht bis zwölf Uhr. Am Nachmittag grübelt sie über den Hausaufgaben, abends büffelt sie Vokabeln. „Gestern, heute, morgen: Aktuell ist es mein Job, Deutsch zu lernen“, sagt Máximo. In Spanien hat sie fünf Jahre lang Biologie studiert, mit Diplom abgeschlossen und parallel eine Zusatzqualifikation als Biologie-Lehrerin erworben. So schnell wollte sie eigentlich nicht wieder in einem Kurs sitzen und lernen. „Ich will gerne an der Universität oder in der Forschung arbeiten, aber dafür muss ich besser sprechen.“ Dann schlägt sie ihr Deutschbuch auf.

Die Sprachausbildung für Ausländer dauert 660 Stunden, verteilt auf sieben Monate. Sie beginnt im Grundkurs und endet auf B2-Niveau: flüssiges Deutsch in Wort und Schrift. Die meisten Firmen setzen das bei Bewerbern aus dem Ausland voraus. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützt die Sprachausbildung und zahlt einen Großteil der Kursgebühr von 792 Euro. Máximo ist eine von vielen Migranten, die diesen Zuschuss erhalten: Im Jahr 2013 haben etwa 150.000 Ausländer einen solchen Kurs belegt, das ist ein Drittel mehr als noch vor acht Jahren.

„Es kommen momentan vor allem Leute aus Südeuropa in unsere Intensivkurse“, sagt Michael Weigel, Direktionsassistent am Pädagogium. Derzeit habe die Sprachschule etwa 200 Teilnehmer pro Monat. Die Schwierigkeiten seien für fast alle gleich: Hilfsverben, Zeitformen und die vier Fälle – die Klassiker.

Belen Alonso, 25, kämpfte anfangs mit der Aussprache, mit den Hilfsverben und mit dem Genitiv. Die Spanierin lebt seit mittlerweile einem Jahr in Heidelberg und spricht fast fließend Deutsch. In Madrid hatte sie Pharmazie und Mikrobiologie studiert, ihre Prüfungen fast alle mit „gut“ und „sehr gut“ bestanden, trotzdem fand sie keine Stelle. Alonso war unglücklich, sie grübelte viel und zweifelte an sich. Dann raffte sie sich auf und zog nach Deutschland, von dem sie gehört hatte, dass die Jobaussichten so gut seien. Sie belegte einen Deutschkurs und hatte Glück: Gleich bei ihrem ersten Bewerbungsgespräch, vier Monate später, erhielt sie eine Zusage.

Sie hat den Dreh raus: Belen Alonso hat einen gut bezahlen Job gefunden, auch Dank ihrer guten Deutschkenntnisse

Sie hat den Dreh raus: Belen Alonso hat ihren Traumjob gefunden, auch Dank ihrer Deutschkenntnisse

Nun experimentiert sie im Labor von Boehringer Ingelheim in der Nähe von Mannheim. Bei dem Pharmaunternehmen tüftelt sie an neuen Medikamenten. „Ich fühle mich gebraucht, das ist etwas Wunderbares“, sagt Alonso. „Es ist genau das, was ich studiert habe. Ich bin glücklich.“ Trotzdem besucht sie weiterhin die Sprachschule. Sie lernt Vokabeln und löst in ihrer Freizeit Hausaufgaben zu den deutschen Konditionalsätzen. „Ich will besser werden und kann noch viel lernen“, sagt sie.

Isabel Máximo aus dem Anfängerkurs will auch bald in der Region arbeiten. Noch stolpert sie über Aussprache und Bedeutung der Wörter. Wenn sie etwa „fünf Stunden“ sagt, meint sie „fünf Uhr“. Doch es gibt auch Momente, die ihr Mut machen. Am Vortag sollte sie im Unterricht erzählen, was sie am Wochenende unternehmen will. Sie hat es hingekriegt, auf Deutsch und ohne Fehler. Die ersten Bewerbungen will sie bald verschicken.

In: Hören