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Eine für alle

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Die Bücher stapeln sich auf der Heizung unter der Dachschräge. „Chinesisch in 30 Tagen“ steht auf dem Rücken des gelben Langenscheidt-Lexikons. Heute Abend braucht der Sprachlehrer für den Unterricht nur 30 Minuten, ein leeres Blatt Papier und einen Kugelschreiber. „Le homine ama le femina“, sagt er. Der Mann liebt die Frau. In ordentlichen Druckbuchstaben schreibt er den Satz auf seinen Zettel und schiebt ihn über den Tisch zu seiner Schülerin. Die soll ihn nun im Futur konjugieren. „Le homme …“, fängt sie an. „Homine“, korrigiert er. Die Schülerin setzt noch einmal an: „Le homine amara le femina.“

Ein Blatt Papier, ein Kugelschreiber, ein Satz: Damit will Julia Folz, 20, im Laufe dieses Abends die Kunstsprache Interlingua lernen. Von amerikanischen Sprachwissenschaftlern Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts am Reißbrett entworfen, ist sie eine Art modernes Latein: Wörter, die es in mindestens drei der Grundsprachen gibt, die also in Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Deutsch oder Russisch existieren, fließen in den Wortschatz ein. Hinzu kommt eine Grammatik, die noch simpler ist als die englische, also zum Beispiel Verben und Substantive kaum beugt.

Ziel des Versuchs

Interlingua ist vor allem für Spanier, Portugiesen, Italiener und Franzosen eine Alternative zum Englischen. Zum einen haben sie durch die Nähe ihrer Sprachen zum Lateinischen einen einfachen Zugang zur Kunstsprache. Zum anderen tun sie sich mit der englischen Grammatik und Aussprache oft schwer. Mit Interlingua wollten die Erfinder aber mehr schaffen als eine sprachliche Krücke für Romanisten: Sie wollten eine Weltsprache erfinden. Diesen Titel konnte Englisch damals noch nicht für sich beanspruchen. „Mit Interlingua begegnet man sich sprachlich auf der gleichen Ebene“, sagt Sven Frank, 39, der Sprachlehrer, der auch Präsident der „Union Mundial pro Interlingua“ ist.  Bisher habe ein englischer Muttersprachler gegenüber seinen ausländischen Gesprächspartnern immer einen Vorteil. „Selbst unsere Bundeskanzlerin benutzt in schwierigen Verhandlungen deshalb einen Dolmetscher.“

Als er den Sprachunterricht nach einer knappen halben Stunde beendet, hat Julia den Mann, der die Frau liebt, in allen drei Zeiten und im Konjunktiv besprochen. Sie weiß jetzt auch, wie es klingt, wenn zwei Männer auf Interlingua zwei Frauen lieben. Auf dem Papier sind in den ordentlichen Druckbuchstaben zahlreiche Übungssätze notiert. Ob der Unterricht schon ausgereicht hat, um Interlingua zu verstehen, zu lesen, zu sprechen, wie Sven Frank es versprochen hat? „Ich bin noch skeptisch“, sagt Julia.

Versuch, 1. Teil

Gleich am nächsten Morgen hat Julia Folz die Gelegenheit, Interlingua auszuprobieren. In einer WG in der  Heidelberger Altstadt trifft sie sich mit Alessandro de Maria, 26. Der Jurastudent hat einen deutschen und einen italienischen Pass und spricht fließend Italienisch. Als die Espressokanne auf dem Herd aufgehört hat zu blubbern, beginnt Alessandro das Gespräch: „Ciao!“ „Bon die! Como sta tu?“ „Io sto bene, e te?“ „Sta bene anche.“ Der Smalltalk läuft schon mal gut. Julia lehnt sich mit der kleinen Kaffeetasse in der Hand auf ihrem Klappstuhl zurück. „Vole laborar a un universitat.“ Sie muss nachdenken. „Mi interessa… mi interessa le maladias psychic.“ Alessandro nickt. „Molto interessante.“ Fünf Minuten später haben sie sich über ihre Berufswünsche, den gemeinsamen Studienort und das Skifahren in den Alpen ausgetauscht. Ein bisschen einseitig ist das Gespräch noch: Als Alessandro Julia nach ihren Plänen für den Abend fragt, muss er den Satz ein paar Mal in anderen Worten wiederholen. Über ihre Antwort muss Julia etwas länger nachdenken, ab und zu rutscht ihr ein spanisches Wort dazwischen. Sie ist noch nicht ganz zufrieden: „Alessandro zu verstehen, fiel mir leicht. Für meine Antworten fehlten mir aber noch die Vokabelkenntnisse.“ Für Alessandro fühlte sich das Gespräch dagegen beinahe so an wie mit einer Italienerin: „Ich konnte Julia perfekt verstehen, 80 Prozent des Gesagten klang für mich wie Italienisch, beim Rest haben meine Lateinkenntnisse geholfen.“

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Alessandro und Julia beim Küchen-Smalltalk: Interlingua klingt fast wie Italienisch

Hintergrund

Kunstsprachen wie Esperanto, die bekannteste und bis heute am weitesten verbreitete Plansprache, wurden schon vor über hundert Jahren erfunden. Bisher hat sich aber noch keine durchsetzen können. Interlingua hat gegenüber den älteren Kunstsprachen einen entscheidenden Vorteil: „Der Unterschied ist, dass man es versteht, ohne es gelernt zu haben. Esperanto ist so ähnlich wie Klingonisch: Man versteht es nur, wenn man sich damit beschäftigt hat“, sagt Sven Frank.  Ganz anders bei Interlingua: Zum Bestellen von Pizza im Italienurlaub oder beim Smalltalk mit spanischen Kollegen kann die Sprache auch außerhalb der Kunstsprachen-Community genutzt werden.

Versuch, 2. Teil

Aber kann Interlingua wirklich bei jedem Gesprächspartner eingesetzt werden? Es klingelt an der Tür. Kim Yoo-Jin setzt sich zu Julia an den Küchentisch. Statt Espresso gibt es nun grünen Tee. Die Jurastudentin, 20, hat koreanische Wurzeln und einige Zeit in Südkorea studiert. „Bon die!“, begrüßt Julia sie. „An-nyeong.“ Die Studentinnen müssen lachen. Julia redet weiter: „Io habita in Heidelberg. E tu?“ Yoo-Jin antwortet. In einem Satz erkennt Julia das Wort „Düsseldorf“. „Tu sta de Düsseldorf?“, fragt sie gleich zurück. Yoo-Jin nickt und gibt eine längere Antwort. Jetzt kann Julia gar nicht mehr mitreden. Die beiden Frauen müssen wieder lachen. „Manches versteht man anhand der Mimik oder weil man den normalen Gesprächsablauf kennt. Ich kann aber keine Gemeinsamkeiten zwischen den Sprachen erkennen“, sagt Yoo-Jin. Auch Julia hat sich an Gesten und an bekannten Worten wie den deutschen Städtenamen orientiert. „Vielleicht funktioniert es, wenn der asiatische Gesprächspartner eine europäische Fremdsprache spricht“, sagt Yoo-Jin. Pizza bestellen in Peking wäre Julia aber allein mit Interlingua nicht möglich.

Grenzen

An den Grenzen Europas findet auch Interlingua seine Grenzen. Das Problem teilt es mit vielen der Kunstsprachen: „Sie alle sind stark eurozentriert. Das schränkt ihre Nutzungsmöglichkeiten ein“, sagt der Mannheimer Sprachwissenschaftler Professor Johannes Müller-Lancé. Was europäische Sprachschüler schnell verstehen, müssen Asiaten, Afrikaner oder Araber genauso mühsam lernen wie Englisch. Das aber können sie im Alltag besser einsetzen. „Die internationale Kommunikation hat sich also inzwischen so klar zum Englischen entwickelt, dass Plansprachen in meinen Augen keine Zukunft haben“, sagt Müller-Lancé.

Auswertung

Für Julia ist das Interlingua-Experiment zumindest teilweise gelungen. Die einfache Grammatik konnte sie in einer halben Stunde Sprachunterricht lernen. An den Vokabeln fehlt es ihr dagegen noch. „Würde ich mich jetzt noch einmal hinsetzen, könnte ich die Sprache in drei Tagen auf einem guten Niveau sprechen“, sagt sie. Lohnen würde sich der Aufwand durchaus. Trotzdem ist Interlingua kein Ersatz für andere Fremdsprachen, findet sie. „Mit jeder Sprache wird auch eine Kultur vermittelt.“ Und die fehlt Interlingua.

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Julia hat die Grundlagen von Interlingua schnell gelernt. Nun fehlen ihr noch die Vokabeln

 

PLANSPRACHEN: Wann, wo und warum sie entstanden sind

Schon an der Bezeichnung lässt sich erkennen, dass Esperanto, Interlingua, Noxilo, Uropi und Co am Reißbrett entworfen wurden. Erste Versuche dieser Art gab es bereits im 19. Jahrhundert. Solresol, die Erfindung eines französischen Musiklehrers, wurde 1827 als erste künstliche Sprache in Europa bekannt. Ihre Wörter setzen sich willkürlich aus den Musiksilben do, re, mi, fa, sol, la und si zusammen. Esperanto, das es seit 1887 gibt, ist mit geschätzten 100.000 Sprechern die heute am weitesten verbreitete Kunstsprache.

Vom Beginn bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erlebten Plansprachen ihre Hochphase. Angesichts der Weltkriege wollten Linguisten eine gemeinsame Sprache schaffen, die frei von nationalen oder regionalen Einflüssen war. Das Ziel: die problemlose Verständigung über Ländergrenzen hinweg. Auch heute noch arbeiten Sprachwissenschaftler an neuen Plansprachen. 2011 wurde Angos bekannt, das auch Einflüsse aus dem asiatischen und afrikanischen Sprachraum aufgenommen hat.

Plansprachen sollen einfach zu lernen und schnell zu verstehen sein. Esperanto zum Beispiel hat nur sechzehn Grund- regeln der Grammatik. Und wie die meisten künstlichen orientiert sie sich an natürlichen Sprachen. Bei Esperanto sind das vor allem germanische und slawische, bei Interlingua romanische Sprachen. Glosa und Latino sine flexione bauen auf Altsprachen auf. Der Grund für diese europäische Dominanz: Viele Plansprachen sind Anfang des vergangenen Jahrhunderts entstanden. Ihre Erfinder wollten im zerstrittenen Europa neue Möglichkeiten der Verständigung schaffen.

In: Hören