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Hände hoch!






Melanie Kuschel glaubt, dass ihr Baby am Wochenende zum ersten Mal gebärdet hat. Als die Großeltern sich verabschiedet haben, hat der neun Monate alte Constantin eine seiner winzigen Hände gehoben. „Nur eine Hand, nicht etwa beide“, sagt Melanie Kuschel. Das ist wichtig, schließlich wird die korrekte Gebärde für „Auf Wiedersehen“ auch nur mit einer Hand gezeigt.

Seit vier Wochen besucht Melanie Kuschel mit ihrem Sohn einen Gebärdenkurs für Babys in Heidelberg. Kuschel gefällt die Vorstellung, sich womöglich schon bald mit Constantin in Zeichensprache unterhalten zu können – noch bevor er anfängt, seine ersten Worte zu sprechen. In dem Kurs übt sie mit ihm einfache Gebärden, die sie im Alltag mit dem Baby einsetzen kann.

Der Trend, Babys Gebärdensprache beizubringen, stammt aus Amerika. Dort werden ähnliche Kurse schon seit den 1980er Jahren angeboten. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland immer mehr Angebote, um dem kostbaren Nachwuchs Zeichen aus der Gehörlosensprache beizubringen.

Mama Melanie und Sohn Constantin Kuschel im gemeinsamen Gebärden-Unterricht

Mama Melanie und Sohn Constantin Kuschel im gemeinsamen Gebärden-Unterricht

Heute stehen für Constantin und seine Mutter die Gebärden der Orientierung auf dem Lehrplan. „Die sind besonders wichtig für Babys“, sagt Kursleiterin Elke Langefeld, 48. Die Erzieherin steckt eine Hand in einem Stoffhandschuh, bei dem jeder Finger aussieht wie eine kleine Ente, und wackelt mit der Entenfamilie vor Constantins Gesicht. Das Baby lässt das Puppenspiel nicht aus den Augen und greift nach den gelben Entenköpfen. Mit einer schnellen Bewegung zieht Langefeld ihre Hände zu einer Faust zusammen und lässt das Federvieh in ihrer Hand verschwinden. „Die Enten sind weg“, sagt Langefeld. Gleichzeitig hält sie ihre linke Hand mit der Fläche nach oben und schwingt den Arm kraftvoll von ihrem Körper fort – die Gebärde für „weg“. Sie wiederholt die Übung mehrere Male, aber Constantin würdigt ihre linke Hand keines Blickes. Seine Augen fixieren den gelben Plüschballen mit den abgetauchten Enten, die kleinen Hände hält er zu Fäusten geballt.

„Soll man die Kinder eigentlich verbessern, wenn sie eine Gebärde falsch machen?“, fragt die Mutter des acht Monate alten Noah, der ebenfalls lernen soll, mit Gebärden zu sprechen. Bisher hat er noch keine korrekt ausgeführt. „Ihr müsst Geduld haben“, sagt Kursleiterin Langefeld. Es ist erst die vierte Stunde, doch die beiden Mütter haben sich schon erkundigt, wann sie ihre Söhne zum Fortgeschrittenenkurs anmelden können.

Entwicklungspsychologen teilen die Begeisterung der Mütter aus dem Kurs allerdings nicht. Steffi Sachse, die an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg einen Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt Sprachentwicklung leitet, kennt keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass normal entwickelte Kleinkinder durch die Babygebärden einen messbaren Vorteil hätten. „Normalerweise können Kinder auch intuitiv ziemlich gut mitteilen, was sie wollen“, sagt Sachse. Die Gebärdensprache schade ihnen nicht, sei aber für die Verständigung zwischen Eltern und Kindern überflüssig. Sabina Pauen vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Universität Heidelberg könnte sich sogar vorstellen, dass manche Kinder, die ohnehin eher still sind, erst etwas später anfangen zu sprechen, wenn sie ihre Wünsche auch durch Gesten ausdrücken können. Mehr Sorgen macht sich Pauen aber um ehrgeizige Eltern: Sie glaubt, dass sich viele unnötig unter Druck setzen, weil sie bei der frühen Sprachförderung ihrer Kinder keine Chance verpassen wollen. „Es tut mir in der Seele weh, wie sehr sich manche stressen.“ Spätestens im Grundschulalter würden die Kinder zudem die hohen Erwartungen der Eltern spüren und unnötig verunsichert.

Kursleiterin Elke Langefeld arbeitet im Gebärdenkurs mit einem umfangreichen Kuscheltierzoo zusammen

Kursleiterin Elke Langefeld arbeitet mit einem umfangreichen Kuscheltierzoo zusammen

Kursleiterin Elke Langefeld will die Babygebärden jedoch nicht mehr missen. Sie arbeitet hauptberuflich als Erzieherin und setzt die Zeichen auch im Kita-Alltag ein. Wenn ein Kind zum Beispiel nach seiner Mutter fragt, sagt Langefeld „Mama ist arbeiten“ und klopft mit beiden Fäusten leicht schräg aufeinander. Wenn es Zeit ist, die Spielsachen einzuräumen und nach Hause zu gehen, kreuzt sie ihre Hände vor der Brust und tippt die Handkanten zweimal aufeinander, das Zeichen für „fertig“. Anschließend formt sie mit den Händen ein spitzes Dach.

Egal, ob sie einem ihrer Schützlinge mitteilen will, dass er jetzt gewickelt wird, dass das Essen auf dem Tisch steht oder es Zeit ist für einen Mittagsschlaf: Die Pädagogin kennt für fast jede Situation im Leben eines Kleinkindes das passende Zeichen. „Gebärden erleichtern meinen Alltag einfach ungemein“, sagt sie. Einerseits biete sie den Kindern so noch eine zweite Möglichkeit, sich mitzuteilen, andererseits würde ihr die händische Sprache selbst helfen, sich eindeutiger auszudrücken und die Kinder besser zu verstehen.

Die Kleinen scheinen großen Spaß daran zu haben, die Handbewegungen ihrer Erzieherin zu imitieren. Ein dreijähriger Junge aus Langefelds Kita- Gruppe spricht bisher kaum, hat jedoch bereits eine Lieblingsgebärde: Jedes Mal, wenn er ein Auto mit Blaulicht vorbei fahren hört, hält er eine Hand hoch und dreht sie hin und her – das Zeichen für Sirene. Er ist jedoch eine Ausnahme. Bis die meisten Kinder in der Kita regelmäßig selbst gebärden, können sie bereits die ersten Worte sprechen.

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Constantins Hände sind immer in Bewegung. Aber ob das auch immer etwas zu sagen hat?

In: Sehen