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Liebe mit Blubb

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Dicke rote Blasen steigen auf. Sie werden immer runder und praller, bis sie schließlich zerplatzen. Die Tomatensauce kocht ein und wird dabei immer konzentrierter. Nick und Nora sind frisch verliebt. Ein starkes Gefühl, schwer auszudrücken.

Nick möchte Nora sagen, wie er sich fühlt. „Ich liebe dich“ scheint ihm zu schwach. Als er die Tomatensauce auf dem Herd beobachtet, fällt es ihm plötzlich ein.

Nick dreht sich zu Nora und sagt: „Guck mal, so fühle ich mich gerade. Meine Liebe ist wie eine Tomatensauce, die ganz langsam kocht und bei der es dann ganz oben „blubb“ macht.“

Seit diesem Tag haben Nora und Nick Legittimo ihr erstes Codewort. Statt „Ich liebe dich“, sagen sie „Blubb“. Sie benutzten es, wenn sie unter sich sind oder als letztes Wort in E-Mails. Auch in Gegenwart von anderen sagen sie es. Es versteht ja sonst niemand.

Der Geheimcode für Liebende rekrutiert sich aus der gemeinsamen Vergangenheit. „Die Geheimsprache dient dazu, die Exklusivität der Paarbeziehung hervorzuheben und die Außenwelt ein stückweit auszuschließen“, sagt Maren Stephan, Diplom-Psychologin und Paartherapeutin aus Heidelberg. Wie zwei Menschen miteinander reden, schaffe Identität, definiere sie als Paar. „Durch intime Momente und gemeinsame Erfahrungen bauen Paare eine eigenständige Paarkultur auf, zu der auch die Sprache gehört“, sagt sie.

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Geheimcodes sorgen für Exklusivität und stärken die Beziehung, sagt die Paartherapeutin

Das Phänomen der Paarsprache ist psychologisch und sprachwissenschaftlich wenig erforscht. Eine der letzten wichtigen Studien zu dem Thema erschien 1978. Ernst Leisi, ein Zürcher Sprachwissenschaftler, kommt in seinem Buch „Paar und Sprache“ zu dem Schluss, dass der „Privatcode“ ein untrennbarer Teil der Beziehung ist. Offen lässt er allerdings, ob die Sprache aufgrund der Nähe oder die Nähe aufgrund der Sprache entsteht.

Nora und Nick Legittimo hatten während ihrer 18 Jahre langen Beziehung viel Zeit, um Nähe aufzubauen. Von Anfang an waren sie sich sehr ähnlich. Inzwischen denken sie oft sogar das Gleiche. „Viele Sachen muss man gar nicht großartig erklären“, sagt Nora und lächelt. Als die beiden sich kennenlernten, war sie 17, er 24. Nach fünf Jahren Fernbeziehung entschieden sie, zusammen zu ziehen. Mittlerweile haben sie zwei Söhne, vier und sechs Jahre alt. Nick legt seine Hand auf Noras Knie und sagt: „Ich kann mit niemanden so offen reden wie mit Nora.“

Er nippt an seinem Bier. „Das Schöne bei Nora ist, dass ich nicht überlegen muss, wie sie darauf reagiert.“ Wenn Nora und Nick über ihre Beziehung sprechen, klingt es fast wie ein einstudiertes Duett. Sie beenden die Sätze des anderen, ohne sich ins Wort zu fallen.

Die gemeinsame Sprache hat das Paar durch Momente entwickelt, die sie zusammen erlebt haben. So wie dieser eine Augenblick auf der Hochzeitsreise, als sie in Südfrankreich waren und im Restaurant nach einer Empfehlung fragten. Der Kellner antwortete gleichgültig: Sie hätten nichts Besonderes da. „Und dann bringt er uns so ganz wunderbare Kartoffeln in so einer Safransoße. Und wir fanden das so fantastisch, so lecker“, sagt Nora. Und der Kellner habe nur daneben gestanden und mit seinem französischen Akzent gesagt „In the end it’s just potatoes“. Seitdem kommentieren Nora und Nick leckeres Essen mit „It’s just potatoes.“ Und erinnern sich dabei jedes Mal an das kleine Restaurant in Carcassone und ihre Hochzeitsreise.

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Mehr als Kartoffeln: Nora und Nick Legittimo sind seit 18 Jahren ein Paar

 

In: Hören