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Oh Genitiv, verweile doch






Neulich in der Bahn, da war es wieder: „Der Jenny ihr Auto“ war kaputt. Und offenbar nicht nur deren Auto, sondern auch das Sprachempfinden der Erzählerin. Wenn ich solche Sätze höre, fühle ich mich jedes Mal wie eine Deutschlehrerin: Am liebsten würde ich den Leuten eine kurze Grammatikstunde geben.

Ein Picknick mit Freunden musste vor kurzem auch „wegen dem Regen“ abgesagt werden. „Des! Wegen DES RegenS“, schoss es mir durch den Kopf und eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus. Die Kombination aus „wegen“ und Dativ ist für mich wie kratzende Fingernägel auf einer Schultafel.

Die Dativ-Variante ist zwar inzwischen anerkannt und steht auch als mögliche Alternative im Duden, gilt aber als umgangssprachlich. Und, jaja, ich weiß, es gibt auch Ausnahmefälle, in denen der Dativ hinter der Präposition „wegen“ erlaubt ist: Steht zum Beispiel vor dem Nomen kein Artikel, dann kann auf das Genitiv-s verzichtet werden. Richtig ist auch „wegen Bankrott geschlossen“ statt: „wegen des Bankrotts“.

Für mich ist der Dativ trotzdem keine Alternative. Meine Eltern sind beide Journalisten und haben mir früh beigebracht, wie schön und vielfältig Sprache sein kann. Aber sie haben auch Wert darauf gelegt, dass ich sie richtig anwende. Wenn ich vom Feiern zu spät nach Hause kam, dann war das nicht wegen dem verspäteten Bus, sondern höchstens wegen des Busses. Alles andere brauchte ich gar nicht erst zu versuchen.

Natürlich ändert es am Inhalt nichts, ob ich den Genitiv oder Dativ benutze. Aber ich trinke ja auch Rotwein nicht aus dem Plastikbecher. Klar kann man das machen, schmeckt aber nicht.

Einige meiner Freunde sagen, dass es doch gar keinen Unterschied mehr mache, weil sowieso alle im Dativ redeten. Aber bloß weil sich in die Umgangssprache Fehler eingeschlichen haben, müssen wir sie ja nicht unbedacht übernehmen. Ich möchte einfach nicht, dass aus „Jennifers Auto“ dauerhaft „der Jenny ihr Auto“ wird – autsch! Nein, danke.

Über die These, dass der Dativ den Genitiv aus dem Rampenlicht drängt, gibt es ja schon Bestseller. Doch der Genitiv ist ein schlauer Fall, er schleicht sich an anderer Stelle auf die Bühne zurück: Es ist zum Beispiel völlig korrekt zu sagen, dass „dank dem guten Ergebnis“ etwas geschehen ist, aber immer häufiger heißt es „dank des guten Ergebnisses“. Aber den Genitiv möchte ich nicht nur ausgerechnet da lesen, wo er eigentlich nicht hin gehört. Ich will ihn auch hören, wenn Jennys Auto wieder fährt und wir trotz des Regens draußen waren. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass der Genitiv erhalten bleibt.

Nicht wegen mir, aber seinetwegen.

Anca

Stört sich am fehlenden Genitiv-Gebrauch, will aber nicht als pingelige Ziege gelten: Unsere Autorin Ann-Carolinn Specht

In: Sehen