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Sprache aus der Dose






Davin (Name geändert), 29, sprayt seit seinem elften Lebensjahr. Er betreibt eine eigene Werkstatt für Siebdruck und studiert Orientalistik in Heidelberg. Bei einem Rundgang durch die Stadt, abseits der touristischen Routen, übersetzt er für Chiffre die Sprache der Graffitis.

Viele Menschen betrachten Graffitis als ärgerliche Schmiererei an der Hauswand. Steckt denn mehr dahinter?

Natürlich, hinter jedem Graffiti steckt Gefühl. Hass, Wut, Liebe, Trauer, ausgedrückt durch die Farben und Formen der Buchstaben. In Heidelberg gibt es beispielsweise ein Bild, mit dem Freunde einem verstorbenen Skater und Sprüher die letzte Ehre erweisen. Bei diesem Nachruf haben die Maler die Buchstaben wie Grabsteine gestaltet.

Das Zusammenspiel von Farbe und Formen drückt also die Gefühle des Sprayers aus?

Ja. Es gibt natürlich auch Sprüher, die einfach nur malen, um etwas Verbotenes zu tun, um den Kick und die Angst davor zu spüren, erwischt zu werden. Aber Graffiti ist nicht gleich Graffiti, es gibt unzählige Varianten. Am häufigsten zu sehen sind so genannte Tags, also Pseudonyme und Kürzel, die einfach im Vorbeigehen an Wände, Fenster, Plakate oder Laternenpfosten gemalt werden. Das ist dann kein Ausdruck von Emotionen, sondern dient dazu, sein Revier zu markieren.

Nicht jeder kann die Buchstaben und Bilder der Sprayer lesen. Ist das Absicht?

Klar, das ist Teil unserer Identität. Aber wenn selbst ein geübter Sprüher ein Bild nicht entziffern kann, spricht das eher dafür, dass der andere nicht besonders gut gemalt hat.

Gibt es sprachliche Botschaften, die sich in den Bildern verbergen und die man als Laie nicht sieht?

Durchaus. Graffitis werden von Sprühern zum Beispiel dafür genutzt, andere Sprüher zu grüßen und Anerkennung auszudrücken. Das versteht man natürlich nicht, wenn man nicht zur Szene gehört und sich auskennt. Manchmal werden deshalb die Pseudonyme von befreundeten Künstlern in die Buchstaben der eigenen Bilder gesprüht.

Der Zusammenhalt in der Szene ist offenbar stark.

Das ist wie im normalen Leben auch, es gibt Sympathien und Antipathien. So bilden sich auch Crews, also Zusammenschlüsse von Sprayern, die gemeinsam unterwegs sind und sprühen.

Wie erkennt man, ob man das Graffiti eines einzelnen Sprayers oder das einer Crew vor sich hat?

Meist sind dann die entsprechenden Crew-Kürzel ins Bild gesprüht worden. Es gibt unzählige davon. „DSU“ beispielsweise, das Kürzel einer Crew aus Hamburg, steht für „Don‘t Stop Us“, was so viel heißen soll wie „Wir sind die Besten, wagt es nicht uns aufzuhalten.“

Wirkliche Bilder, also Motive, die nicht aus Buchstaben bestehen, sieht man selten.

Das liegt daran, dass Motive, die nicht aus Buchstaben bestehen, eher zur Street Art als zur Graffitikunst gehören. Sprüher konzentrieren sich auf die graphische und farbliche Gestaltung von Buchstaben.

In: Sehen