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Stille Welt






Der Zug hätte längst da sein müssen. Auf der Anzeigetafel steht auch nichts von einer Verspätung. Irritiert dreht sich Jonas Albig um. Am Gleis hinter ihm setzt sich gerade ein Zug in Bewegung. Es ist sein IC nach Frankfurt. Als einziger hat Albig die Durchsage mit der Gleisänderung nicht gehört.

Jonas Albig ist gehörlos. Mit drei Jahren erkrankte er an einer Hirnhautentzündung. Danach konnte er nichts mehr hören. Aber er hätte die Möglichkeit gehabt, wieder in die Welt der Hörenden zurückzukehren: Mit zwölf bekommt er eine Hörprothese. Doch nach vier Jahren in der Welt der Hörenden entscheidet er, das Gerät für immer abzuschalten. Heute ist Albig 30 Jahre alt. Unter markanten Brauen blicken seine braunen Augen einem ruhig entgegen. Nur wenn er nach einem Wort sucht, wenden die Augen sich ab und streifen durch das Café, als könnten sie dort das gesuchte Wort erblicken. Albig spricht ungewöhnlich präzises Deutsch, er macht Pausen und überlegt, bevor er spricht. Trotzdem ist es anfangs schwierig, ihn zu verstehen. Die undeutliche, etwas stimmlose Aussprache seiner Wörter kompensiert er durch klare Gesten.

Der Kellner fragt trotzdem nach, ob er den Chai-Tee mit Sahne und Zimt möchte. Albig antwortet nicht. Er hatte für einen Moment seine Augen von den Lippen des Kellners abgewandt, um die Speisekarte zurück auf den Café-Tisch zu legen. Der Kellner wirkt irritiert. Albig kennt das. In seinem Leben hat er schon viele Menschen irritiert. Er schlage die Türen zu laut zu, sagte seine Kindergärtnerin. Beim Spielen mit den anderen Kindern mache er zu viel Krach. Regulieren kann Albig die Lautstärke seiner Stimme bis heute nicht. Er hört sie nicht. Nur an der Anstrengung im Kehlkopf merkt er, ob er flüstert oder schreit. Albig variiert nicht die Lautstärke seiner Worte. Mit der Zeit hat er sich eine bestimmte Tonlage angewöhnt, eine, die fast immer angemessen ist. Dass er damit nicht zu verstehen ist, als ein Krankenwagen mit Sirene am Café vorbeirast, merkt er nicht. Ungerührt erzählt er weiter von seinem Wechsel an die Grundschule, eine spezielle Einrichtung für schwerhörige Kinder. Zwar ist er dort der einzige Gehörlose, aber zum ersten Mal lernt er Kinder mit ähnlichen Problemen kennen. Die Gebärdensprache bringen die Lehrer den Kindern nicht bei, sie wird damals in der Schule nicht unterrichtet. „Die wollten, dass wir die Sprache der anderen sprechen und nicht unsere eigene“, erinnert sich Albig. Einige Mitschüler kommen aus Gehörlosenfamilien und beherrschen die Gebärdensprache. Von ihnen lernt er, sich mit seinen Händen auszudrücken. „Die Gebärdensprache war für uns die Pausenhofsprache“, sagt er. Seit dem Gleichstellungsgesetz von 2002 hat sich die rechtliche Situation für Gehörlose verbessert. Sie haben in vielen Lebenssituationen, etwa bei Behördengängen, Anspruch auf einen Gebärdendolmetscher und andere Kommunikationshilfen. Aber Albig sagt, noch immer beherrschten zu wenige Erzieher und Lehrer die Gebärdensprache. „Das ist eine Katastrophe für Gehörlose. Als würdest du als Lehrer nach Spanien gehen und die Schüler auf Deutsch unterrichten.“

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Jonas Albig ließ sich das Cochlea-Implantat einsetzen, weil er sich unter Druck gesetzt fühlte

Nach der Grundschule kommt Albig in eine Gehörlosenklasse. Er, der immer gemeinsam mit Schwerhörigen unterrichtet wurde, fühlt sich unterfordert. Albig möchte in die Schwerhörigenklasse wechseln. Dort wäre der Unterricht anspruchsvoller, er würde mehr lernen. Nach einer dreimonatigen Probezeit willigen die Lehrer ein, aber nur unter einer Bedingung: Der Zwölfjährige soll sich ein Cochlea-Implantat einsetzen lassen, eine Prothese für Gehörlose mit funktionierendem Gehörnerv. Albig denkt zuerst, die Lehrer machten Scherze. Er findet, er brauche kein Implantat, schließlich beherrscht er die Gebärdensprache und kann relativ gut sprechen. Aber die Lehrer geben ihm eine Frist für seine Entscheidung. Sonst muss er zurück in die Gehörlosenklasse. Jeden Tag fragen sie ihn, ob er sich entschieden habe. Allmählich versteht Albig, wie ernst es ihnen ist. Auch seine Mutter drängt ihn zu der Operation. Er hat Angst vor dem Eingriff. Am Tag der Operation versteckt er sich, bekommt Ärger, lässt sich schließlich überreden. Von den Ärzten, von seiner Mutter, von den Lehrern. Am Tag nach der Operation macht er seinen ersten Hörtest. Biep. Beim ersten Impuls zuckt er zusammen. Das erste Wort, das er hört, ist sein Name: „Jonas, Jonas, Jonas.“ Seine Mutter wiederholt ihn immer wieder. Nach der Operation geht Albig dreimal pro Woche zum Hörtest, einmal im Monat ins Krankenhaus zur Neukonfiguration. Und er muss das Hören mit dem „Teil“, wie er sein Implantat nennt, täglich üben.

Drei Jahre später kann er Telefonate führen. Wo bist du? Was machst du? Wann kommst du? Einfache Gespräche, alles andere bleibt zu komplex. In einer ruhigen Straße kann Albig unterscheiden, ob sich von hinten ein Motorrad oder ein Auto nähert. In belebten Situationen aber stößt das Implantat an seine Grenzen. Ein wuseliger Platz mit Lärm von Autos, Straßenbahnen, Passanten: Aus so einer Geräuschkulisse kann er nichts herausfiltern. Dafür hört Albig zum ersten Mal in seinem Leben bewusst Musik. Es ist ein schönes Erlebnis. Bob Marley mag er besonders gerne. Aber heute sagt er: „Musik braucht man nicht zum Leben.“ Zumal die neugewonnene Wahrnehmung negative Seiten hat. Das Implantat funktioniert über elektrische Impulse, die sich anfühlen wie kleine Stromschläge. Jeden Tag hat Albig Kopfschmerzen. „Und ich habe mich für das Teil an meinem Kopf geschämt. Ich war nicht ich selbst“, sagt er. Diese Gefühle unterdrückt er zunächst, gibt stattdessen vor, alles sei super. Wie es von ihm erwartet wird, von den Ärzten, der Familie, den anderen. Vier Jahre lang trägt Albig das Implantat, trotz allem. Bis zu dem Tag, an dem seine Mutter den 16-Jährigen auf das Implantat anspricht. Sie hat bemerkt, dass er es immer öfter abschaltet. „Du bist alt genug und kannst selbst entscheiden, ob du das Implantat tragen oder es absetzen willst.“ „Meinst du das ernst?“, fragt Albig. „Ja.“ Sofort nimmt er die äußere Sendespule ab und legt sie in eine Schublade. „Das war einer der besten Tage meines Lebens“, sagt er rückblickend. Seine Mutter erschrickt, sie hatte gehofft, er würde sich für die Welt der Hörenden entscheiden. Seine rasche Entscheidung überrumpelt sie. Und sie weiß: Sie wird nie wieder mit ihrem Sohn telefonieren können. Er hat sich gegen die Sprache der Hörenden entschieden. Seine Sprache, die Gebärdensprache, hat sie trotzdem bis heute nicht gelernt.

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Eine Narbe ist die stille Zeugin von Jonas Albigs Ausflug in die Welt der Hörenden

Am Nebentisch im Café fällt ein Wasserglas zu Boden und zerbricht. Alle Gäste schrecken auf, außer Albig. Auf seine Gesprächspartner wirkt er dadurch besonders konzentriert. Albig ist gerne unter Menschen, weshalb er eine Ausbildung zum Erzieher macht. Aber als er dafür ein Praktikum in einem Internat beginnt, scheitert er. Nach einem Monat gibt er auf. „Die Kollegen rufen dir kurz etwas zu, du hörst es nicht. Das hat nicht funktioniert“, sagt er. Er wechselt den Praktikumsplatz, bringt das Praktikum an einer Gehörlosenschule zu Ende. Dort ist er in seiner Welt und fühlt sich wohl. Für ihn steht fest: Er will mit Gehörlosen arbeiten. In der Berufsschule sitzt Jonas Albig gemeinsam mit hörenden Schülern im Unterricht. Oft ist eine Gebärdendolmetscherin für ihn da, aber nicht immer. Ihr Team sei chronisch unterbesetzt, sagt sie. Wenn keine Dolmetscherin kommt, kann Albig dem Unterricht kaum folgen. Zwar kann er Lippen lesen, aber die Lehrerin schaut ihn nicht immer direkt an, in den Diskussionen sprechen seine Mitschüler zu schnell und undeutlich. Oder er kann ihre Lippen nicht sehen, weil sie hinter ihm sitzen.

Trotzdem ist es für ihn kein Defizit, nicht hören zu können. „Nur die anderen denken so und machen uns damit zu Behinderten“, sagt er. Seine Freunde sind sowohl Hörende als auch Gehörlose. Albig spielt Basketball im Gehörlosenverein, geht zum Kickboxen. Er verbringt seine Freizeit draußen, sucht nicht die Stille, sondern die Ruhe der Natur, geht mit seinen Freunden Mountainbike fahren. Seine Freundin hört, aber als Erzieherin in einer Gehörloseneinrichtung beherrscht sie die Gebärdensprache. Wenn die beiden miteinander sprechen, fliegen ihre Hände durch die Luft, sie bewegen die Lippen beim Sprechen, nur selten kommt ein Ton heraus. Wenn seine Freundin laut auflacht, kann Albig das nicht hören, aber sehen.

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Genießt die Stille und die Natur: Jonas Albig zeigt hier eine “Blume”

Jonas Albig liebt seine stille Welt. Er hat es niemals bereut, sich gegen das Implantat entschieden zu haben. „Seitdem fühle ich mich frei“, sagt er. Hinter seinem rechten Ohr zeugt eine markante Narbe von seiner Zeit als Hörender. Die Elektroden sind noch immer in seinem Kopf, es wäre kostspielig, sie zu entfernen. Im Alltag stören sie ihn nicht. Loswerden möchte er sie trotzdem.

In: Sehen