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Tanzen in Fesseln

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Regina Keil-Sagawe wählt ihre Worte sorgfältig aus. Man merkt ihr an, dass sie sich Gedanken über die Sprache macht. Von Berufs wegen. Mehr als 20 Werke hat sie aus dem Französischen ins Deutsche übertragen. Gerade ist ihre neueste Übersetzung im Osburg-Verlag erschienen: „Der Schreiber von Koléa”. Es ist die Autobiographie des algerischen Schriftstellers Yasmina Khadra und handelt von seiner Jugend an der Kadettenschule in Koléa. Für Keil-Sagawe war die Übersetzung eine besondere Herausforderung. Sie musste Khadras blumiges Französisch in verständliches Deutsch übersetzen – ohne dabei seine Handschrift zu verfälschen.

Bärenjungen sind nach der Geburt struppig. Erst wenn die Bärenmutter das Junge abschleckt, kommt das Fell in Form. Der Bär wird dadurch in die Bärengesellschaft integriert. Franzosen benutzen dieses Sprichwort für Menschen – Deutsche nicht. In der echten deutschen Übersetzung gleicht Leutnant Bouchiba auch nicht dem schlecht geleckten Bären (un ours mal léché), sondern einem verschlafenen Brummbären. Regina Keil-Sagawe hat sich dieses Bild ausgedacht. Es überträgt die Bärigkeit ins Deutsche und passt in den Zusammenhang.

Ohne Übersetzer gäbe es keine Weltliteratur. Trotzdem sind nur wenige in der Öffentlichkeit bekannt, und der Verdienst eines durchschnittlichen Literaturübersetzers ist eher mager. „Es ist schade, dass die Übersetzer so wenig wertgeschätzt werden. Ihnen steht ein ehrenhafter Platz im Literaturbetrieb zu“, sagt Yasmina Khadra, der Autor von „Der Schreiber von Koléa”. Er veröffentlicht unter einem Synonym, mit richtigem Namen heißt er Mohammed Moulessehoul. Als kleiner Junge brachte ihn sein Vater in die Kadettenschule, wo er zum Offizier ausgebildet wurde. Doch Khadra quittierte seinen Dienst bei der Armee und wurde Schriftsteller. „Es ist extrem schwierig, mich zu übersetzen, denn ich schreibe auf Französisch, aber nicht so wie die Franzosen. In meinen Romanen fantasiere ich mit arabischen Worten, berberischen Ausdrücken und selbst erfundenen Redewendungen. Ich bin in der Sahara geboren. Das beeinflusst meine Perspektive als Schriftsteller“, sagt Yasmina Khadra.

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Mit Fantasie auf den Brummbären gekommen: Übersetzerin Regina Keil-Sagawe

Regina Keil-Sagawe musste dieses Französisch, das die Geschichte mit dem Arabischen vermischt hat, ins Deutsche transportieren, ohne dabei den Leser zu verwirren. Möglich war das mit Kreativität und Sprachgefühl, viel Zeit und guten Algerienkenntnissen. „Die Übersetzung ist ein eigenes Werk und wir Übersetzer sind eine Art Zwitterwesen. Wir tanzen in Fesseln, denn über die Grenzen des Werkes können wir uns nicht hinwegsetzen“, sagt Regina Keil-Sagawe. Aber manchmal fügt Keil-Sagawe auch Inhalt hinzu. Zum Beispiel wenn sie das Gefühl hat, dem Text an einer anderen Stelle etwas genommen zu haben. Am Ende des Schreibers von Koléa sagt der Erzähler, dass sein wahres Leben mit der Ankunft in der Militärschule, dem Mechouar, begann. In der Originalversion steht nur das Wort „Mechouar“. Regina Keil-Sagawe macht diesen Ort zum „Mechouar, der düsteren Zitadelle der Ziyyanidenherrscher, Zuchtanstalt für die Kadetten und Kriegswaisen des revolutionären Algerien“.

Schwierig wird es, wenn sie Khadras Kitsch und Pathos, den das Französische gut verträgt, ins Deutsche übertragen muss. Besonders wenn Keil-Sagawe nah am Text bleibt, wirken diese Stellen in der Übersetzung oft schräg. Dabei fordert Yasmina Khadra von der Übersetzerin genau diese Textnähe. „Viele Verleger trauen den Lesern nicht zu, meinen Stil zu verstehen. Ich denke aber, dass alle Menschen meinen Stil verstehen können, wenn man es ihnen erklärt“, sagt Yasmina Khadra.

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Seine blumige Sprache macht den Übersetzern manchmal das Leben schwer: der algerische Autor Yasmina Khadra (Foto: Emmanuel Robert-Espalieu)

Oft fragen ihn die Übersetzer persönlich, wenn ihnen eine Bedeutung unklar ist. Auch mit Keil-Sagawe hat er mehrmals gemailt und ihr Dinge erklärt. Nachdem die Arbeit mit dem Autor beendet war, schickte Keil-Sagawe das Manuskript an den Lektor. Er bestimmt, in welcher Form die Übersetzung letztendlich im Verlag erscheint. An den Wänden von Bernd Henningers Arbeitsraum stapeln sich die Bücher. Der Lektor vom Osborn- Verlag hat Keil-Sagawes Übersetzung betreut. Dabei hat er die Interessen des Verlages vertreten. „Letztendlich will der Verlag, dass die Bücher bei den Lesern gut ankommen. Das bedeutet nicht, dass man die Autoren gleichmachen muss. Sie sollen ja in ihrer Eigenart bewahrt bleiben. Aber die Sprache darf niemals die Grenze überschreiten, wo es für den deutschen Leser ins Lächerliche geht.“ Henninger ist davon überzeugt, dass Khadras bildstarker Stil bei den Lesern auch eine Abwehrhaltung erzeugen kann. „Manchmal klingt es für unser Sprachgefühl übertrieben und dick aufgetragen“, sagt er.

Doch nicht nur der Leser kann mit Khadras Stil Schwierigkeiten bekommen. Manchmal wird seine bildbeladene Ausdrucksweise auch zum Verhängnis für die damalige Lektorin und Übersetzerin. In einem anderen Werk beschrieb Yasmina Khadra in einer Hochzeitsszene die fülligen Hüften tanzender Algerierinnen mit dem Wort les croupes, was im Deutschen die Kruppe, einen Pferdehintern, bezeichnet. Regina Keil-Sagawe benutzte den Begriff Kruppe in der Übersetzung. Die Lektorin wollte Leserfreundlichkeit schaffen und machte aus den Kruppen kurzerhand Pferde. Der Text lautete dann: „Die Pferde schwangen Tücher um ihre Hüften und tanzten wie wild.” Das war der übersetzerischen Freiheit dann doch zu viel.

In: Hören